Colorado Trail 2024 - Die fünf Prüfungen
Steiles Geröll, feuchte Nächte, Moskitos, kaum Appetit, launisches Wetter — die Schattenseiten meines Colorado Trail und was sie mich gelehrt haben

Im Rückblick auf die Zeit auf dem Trail ist mir klar, dass es insgesamt richtig gut gelaufen ist, und ich bin dafür sehr dankbar. Ich war gesund, hatte keine Verletzungen. Es gab keine gefährlichen Situationen mit Bären, Moose, Kühen, Hunden, Menschen. Meine Versorgungspakete waren bestens und rechtzeitig an den Abhol-Stationen angekommen. Die Erfahrungen als Anhalter waren sehr positiv. Meine Ausrüstung war absolut in Ordnung - natürlich mit Optimierungspotential für das nächste Mal.
Ich habe viele liebe Menschen auf dem Weg kennengelernt, auch manchen etwas außergewöhnlichen Charakter - doch das könnte für mich ebenso gelten. Ich erlebte zwei “Trail Magics” - Menschen kommen irgendwo an die Strecke mit einem Kofferraum oder Trailer voller Getränke, Früchten, Pizza etc., die sie den hungrigen und durstigen Wanderern spendieren. Euch tollen Menschen ein großes Dankeschön!
Es gab schöne Begegnungen bei meinen “Zero Days”, Tagen mit Wanderpause, in den Hotels, Motels, Restaurants und Shops von Twin Lakes, Creede, Silverton etc.
Wenn ich nun also meine “Prüfungen” beschreibe, so sind das Erfahrungen, die ebenso den Weg prägten - manche schwierige Stunde, ein paar Ärgernisse und Gefahrenmomente.
Der Trail
Es ist eine enorme Arbeit, den Trail zu pflegen und warten, und die Trail Crews - ganz viele Freiwillige, die Colorado Trail Foundation und andere - haben hier meine volle Anerkennung.
Unterwegs gab es nun doch ein paar wenige Abschnitte, die etwas “speziell” waren. Von den Alpen kenne ich, dass es - außer in speziellen Anstiegen, die das vom Gelände nicht erlauben - meist schöne Spitzkehren gibt, um das Profil etwas zu mildern. Vor allem zwischen der Holy Cross Wilderness und der Mount Massive Wilderness, sowie in den Cochetopa Hills gab es Strecken mit fast gerader Wegführung, stur auf und ab, mit teils echt fiesem An-/Abstieg. Das kam dann teilweise noch zusammen mit faustgroßen Steinen auf dem Weg - ein eigentlich harmloser Abschnitt wurde so zu einer mentalen und körperlichen Herausforderung. Jeder Schritt musste achtsam gesetzt werden, kein links und rechts Schauen beim Wandern, kein gleichmäßiger Wanderschritt.
Im Rückblick merke ich natürlich, wie sehr sich der Mind an so etwas festbeißen kann, und auch recht harmlose Situationen künstlich aufbläht und “schwierig” macht. Aber nun denn, das “embrace the suck” wie es die Hiker gerne nennen, funktioniert manchmal - und manchmal weniger.
Feuchtigkeit
Ich kannte bis zu meinem Hike Colorado als meist eher trockene Region im Sommer mit niedriger Luftfeuchtigkeit. Nun musste ich lernen, dass es z.B. keine besonders gute Idee war, am Nachmittag in einem Bach z.B. ein T-Shirt oder die Socken zu waschen (ohne Seife natürlich!). Selbst bei Nachmittagssonne wollte das Zeugs nicht mehr richtig trocknen, oft kamen auch noch Wolken und Regen auf.
Das Zelt neben einem Bach aufzubauen, war auch keine richtig gute Idee. Davon hatte ich vorab schon gelesen, aber manches muss man wohl selbst erfahren. Nicht nur außen, auch innen war am morgen alles ziemlich feucht bis naß - Atmen muss man halt auch noch…
Das führte dazu, dass ich mit der Zeit lernte, mein Zeugs tagsüber in einer Art Flohmarkt in der Sonne und den endlosen Weiten der Rocky Mountains auszubreiten, so dass Abends Schlafsack, Innenzelt, Klamotten wieder trocken waren.

Moskitos
Zwischen der Holy Cross Wilderness und Twin Lakes wurde es recht heftig. Ich hatte tatsächlich was zum Einsprühen dabei, aber so sehr beeindruckt waren die Tiere davon nicht. Während ich ungefähr im Minutentakt gestochen wurde, fand ich heraus, dass 2/3 der Moskitos auf meinem linken Arm landeten, 1/3 auf dem rechten. Beide Arme waren eingesprüht. Das war immerhin eine interessante Entdeckung, und ich fing an, das näher zu beobachten und eine kleine “wissenschaftliche” Studie daraus zu machen. Mit ein bisschen Humor wurde die Situation also doch noch erträglich. Noch zwei Anmerkungen dazu:
Hier war ich über mein doppelwandiges Zelt sehr froh. Ich konnte die Moskitos einfach aus meinem Innenzelt rauswerfen und hatte dann für den Abend und die Nacht meine Ruhe. Außerdem war das die Region, in der jetzt beim Schreiben des Beitrags noch das “Willow Fire” brennt, der Colorado Trail geht genau durch das Brandgebiet und ist daher aktuell dort gesperrt. Ich hoffe, dass das Feuer bald ganz unter Kontrolle ist!
Ernährung
Jetzt zu einem etwas ernsteren Thema. Auf meinem Hike hatte ich keinen Kocher dabei, war also “kalt” unterwegs beim Essen - Nüsse, Trockenfrüchte, Müsliriegel, Trockenfleisch etc. Das hat mir gut getaugt, und das werde ich bei weiteren Hikes wieder genauso machen.
Ich war allerdings etwas zu besorgt, was das Thema “Auffüllen der Vorräte” (Resupply) anging. Selbst im kleinen Markt von Jefferson hätte ich mich da einigermaßen versorgen können. Ich habe gemerkt, dass i.d.R. das was es gibt, auch ausreicht. Ein paar extra Vitaminpräparate und auf jeden Fall Elektrolyte sind leicht und können für größere Abschnitte mitgenommen werden. Aber für die Kalorienversorgung zwischendurch ist eigentlich so ziemlich alles, was schmeckt, ok.
Notiz an mich: Keine Hemmungen vor Junk Food.
Mit was ich beim Thema Ernährung gar nicht gerechnet hatte war, dass ich meistens fast gar keinen Appetit hatte. Viele Hiker berichten von einem fetten “Hiker Hunger”, der nach ein paar Tagen einsetzt und ordentlich nach Kalorien verlangt. Bei mir war eher das Gegenteil der Fall. Mit dem Erfolg, dass ich mich oft zum Essen zwingen musste, und ich dadurch insgesamt wohl eher unterversorgt war. Ich verlor auf der Strecke ordentlich Gewicht, und in den letzten Tagen in den San Juan Mountains hatte ich echt keinen Schmackes mehr in den Beinen.
Das ist eine wichtige Lektion für mich: auf jeden Fall genug essen (!), sicherstellen dass die Kalorienversorgung stimmt.
Und noch eine Lektion: Probier das, was Du mitnimmst, vor dem Hike aus. Natürlich werden sich Geschmack und Bedürfnisse auf der Strecke eh noch ändern. Aber wenn man was von vornherein echt abscheulich findet … nimm’s nicht mit! Mir passiert mit “Cliff Bars”. Ich hatte die vorher nie probiert, und dachte das passt schon als kleiner Snack zwischendurch, aber ich hasste sie und musste die Dinger fast runterwürgen.
Wetter
Ein Punkt, der von vielen Hikern des Colorado Trail erwähnt wird. Rückblickend hatte ich sogar ziemlich Glück mit dem Wetter, aber dass es teilweise so dermaßen instabil sein würde - damit hatte ich dann doch nicht gerechnet.
Die Hinweise über Nachmittagsgewitter waren mir natürlich vorher schon bekannt. Aber dass es auch zu anderen Tageszeiten, auch oft recht spontan, zu Regen oder gar Gewitter kommen würde, damit habe ich weniger gerechnet. In einem Fall ging’s schon Vormittags um 10 Uhr los… Zwei Nächte verbrachte ich über der Baumgrenze mit stundenlangem Regen, Donner, Wind - wobei ich zum Glück jeweils am Rande des Geschehens blieb, aber das war schon etwas “spooky”.
Insgesamt führte das dazu, dass ich irgendwann nicht mehr so richtig entspannt bleiben konnte, ständig nach den dicken Wolken schielte, mich teilweise davon hetzen ließ. Das betraf vor allem die letzten Tage in den San Juan Mountains.
In tieferen Lagen hat mich das Wetter nicht so beschäftigt, aber die Tage über der Baumgrenze war das schon ein spannendes Thema. Gewitter sind natürlich eine reelle Gefahr, und dennoch - wie kann man hier am besten sein Nervensystem und Sicherheitsbedürfnis gut einbeziehen - ohne übertriebene Risiken einzugehen, aber auch ohne übersensibel zu werden. Spannend - ich glaube eine sehr bewusste Selbsbeobachtung und -einschätzung ist hier ganz wichtig. Und wenn die Nacht mal zu heftig werden sollte, dann vielleicht doch bewusst und rechtzeitig einen Abstieg in etwas geschütztere Regionen…
Weiterlesen

Colorado Trail 2024 - Wie alles begann
36 Tage, rund 800 Kilometer zu Fuß: Meinen Thru-Hike des Colorado Trail 2024 erzähle ich hier nun in Etappen — mit Fotos, Notizen und Videos

zenbytes Live beim Naviar Haiku Fest in Frankfurt
Aus Naviars wöchentlicher Haiku Music Challenge wurde ein Abend in Frankfurt: Am 30. Mai 2026 fand das Naviar Haiku Fest statt — mitorganisiert und live gespielt. Der Mitschnitt ist online.

zenbytes - Ein neuer Start
zenbytes ist wieder online. Ein persönlicher Ort für eigene Musik, Streifzüge durch die Natur und Fotografie — unabhängig, werbefrei, ohne Nachverfolgung.