Wandern

Colorado Trail 2024 - Tag 4 - Aufstieg im Long Gulch

Über 3.000 Meter, Bergluft statt Hitze — und ein Hiker, der mir die zwei Tage zuvor verlorene Karte zurückbrachte. Tag vier im blühenden Long Gulch.

Bernhard··5 Min. Lesezeit
Wildblumen

Heute erreichte ich im Segment 4 des Colorado Trail zum ersten Mal eine Höhe von 3000 m, und in den Wäldern und dem sanften Tal des Long Gulch ließ ich die Vorberge und die Hitzewelle mehr und mehr hinter mir.

Streckendaten

Strecke
25,1 km/15,6 mi
Höhenmeter
785 m/2575 ft
Höchster Punkt
3331 m/10928 ft
Schwierigkeit
leicht bis anspruchsvoll
Wetter
sonnig, bewölkt, kurzes Gewitter

In den Landschaften und in meiner Wahrnehmung gab es heute einen Wandel. Das hatte viel mit den gewonnenen Höhenmetern zu tun, zum ersten Mal gut über 3.000 m. Das waren über 1.500 m höher als am Start des Trails am Waterton Canyon. Auch wenn ich heute durchaus noch ordentlich ins Schwitzen kam, die Luft war jetzt leichter und reiner. Bergluft.

Meine Armbanduhr weckte mich um 5:45 Uhr, aber dann war ich doch ein bisschen faul und blieb noch etwas im Schlafsack hängen. So startete ich nach einer sehr ruhigen Nacht meine Wanderung erst um 8:20 Uhr, dafür bestens ausgeruht.

Zelt im Wald
Mein Zelt am Rande der Lost Creek Wilderness

Nach dieser Nacht völlig für mich selbst fühlte ich zum ersten Mal diese Freiheit auf einem Langstrecken-Trail. Den Tag planen, wandern, rasten, zügig oder ruhig vorankommen - alles lag allein bei mir selbst. Keine Absprachen oder Kompromisse, keine Ablenkung. Just me.

Nicht lange nach dem Start erreichte ich dann die Lost Creek Wilderness. Der Trail folgte einem alten Waldarbeiter-Weg. Mal steil und steinig, dann wieder sanft und gemütlich durch feuchte Abschnitte mit Aspen und vielen wunderschönen Blumen, darunter natürlich die Columbine (Akelei) - die Blume des Staates Colorado. Nach einigen Kilometern Anstieg ging es links ab von diesem Weg, jetzt zum ersten Mal ein recht fieser Anstieg, angereichert mit Steinbrocken und Wurzeln. Puls und Atemfrequenz gingen sehr bemerkenswert nach oben, doch nicht allzu lange, und der höchste Punkt des Tages war erreicht.

Akelei im Wald
Columbines (Akeleien) - die Colorado State Flower

Dort gab es einen kleinen Bach, der zum Auffüllen der Wasservorräte einlud. Ein paar andere Hiker tauchten auf, und wir hatten einen schönen Austausch über unsere ersten Tage auf dem Trail. Einer davon hatte doch tatsächlich die National Geographic-Karte dabei, die ich am zweiten Tag verloren hatte! Er hatte sie zwei Tage mit sich herumgetragen und andere Hiker danach gefragt. Nun war er seine extra Last los, und ich super happy. Ein schönes Beispiel für die Unterstützung und Solidarität in der Hiker Community. Thanks mate!

Kleiner Bach im Wald
Einer der vielen Bäche zum Auffüllen der Wasservorräte

Das war einer der vielen schönen Trail-Momente, die diese ganze Tour so besonders machten. Sorry, ich habe gar nicht nach Deinem Namen gefragt - Du warst dann auch bald wieder unterwegs - nur einmal noch haben wir uns kurz in Twin Lakes getroffen. Ich hoffe, dass Du einen richtig guten Hike auf dem Trail hattest!

Hier merkte ich, dass ich weiterhin sehr gerne alleine wanderte. Trotzdem war ich Teil dieser Community, wo jeder so wandert, wie er oder sie es möchte (“hike your own hike”) und gleichzeitig ein Respekt füreinander da ist.

Vom Bach ging es erst einmal ein bisschen abwärts im Wald, und eine dicke Gewitterwolke schob sich vor die Sonne. Bei Donner und einem recht kurzen Schauer konnte ich zum ersten Mal mein Regencape ausprobieren. Nach weniger als einer halben Stunde war der Spuk auch schon wieder vorbei.

Hochtal mit Wanderweg
Hier begann der Abschnitt im Long Gulch

Aus dem Wald ging es nun in das offene Tal des North Fork of the Lost Creek (Long Gulch). Ein wunderschöner Abschnitt. Mit angenehm leichter Steigung folgte ich dem offenen Tal, mit einer Pracht an Wildblumen, vor allem dort wo kleine Bächlein den Weg kreuzten. Mit inzwischen wieder blauem Himmel und weißen Kumuluswolken wanderte ich über 10 km aufwärts in diesem Kunstwerk der Natur.

Blumen am Bach
Viele wunderschöne Blumen entlang des Trails

Natürlich war auch hier die Sonne noch recht kräftig und mein T-Shirt durchgeschwitzt, aber es war keine fast unerträgliche Hitze mehr wie teilweise in den ersten drei Tagen. Unter einer Kiefer machte ich eine schöne Pause, lüftete Socken und Füße, und die Elektronik wurde am Solar Panel nachgeladen.

Wiesen, Wanderweg und Wald
Blick zurück auf den Trail im Long Gulch

Schließlich war das obere Ende des Gulch erreicht und es ging wieder in den Wald. Hier gab es ein paar richtig schöne Plätze fürs Zelt, und ich traf zwei nette Jungs, die hier schon ihr Lager aufgeschlagen hatten. Ich hatte jedoch noch ein bisschen Power in den Waden und entschied mich zum Abstieg bis zum Long Gulch Trailhead. Der Himmel wurde jetzt wieder dunkler, dafür gab es einen fantastischen Blick auf die hohen Berge zwischen zwei Felsen. Das würde mich in den nächsten wenigen Tagen erwarten!

Blick auf Berge
Ein Ausblick auf die Berge

Unten am Trailhead ein kleiner Schock, vielleicht ein Dutzend Zelte drängten sich hier um die Bäume. Es gab noch einen Platz für mich, aber einer der Hiker meinte, dass es noch weitere Plätze über dem Bach gäbe. Also noch ein paar Meter weiter, und hier konnte ich mein Zelt geschützt an einem Stein aufbauen. Wieder allein, ganz wie ich es mir gerade wünschte.

An den Aspen waren ein paar merkwürdige Kratzspuren in der Rinde. Zuerst dachte ich - Klauen, Bären. Autsch. Später erst erfuhr ich, dass das von Elchen oder Moose stammt, die an den Bäumen ihre Geweihe scheuern. Ich entschied, nicht allzu panisch zu werden, verstaute meinen Bear Canister wieder in sicherer Entfernung, und bei leichtem Regen und viel Stille um mich herum fand der Tag sein Ende.

Tipps und Erfahrungen

Das richtige Wasser-Management ist immer wieder ein “heißes” Thema. Heute gab es recht viele Bäche am Weg, und ich hatte meist unnötig viel extra Gewicht an Wasser dabei. Es war immer wieder herausfordernd, hier das Optimum zu finden. Das hängt natürlich auch von der Jahreszeit ab, und wie wasserreich Winter und Frühjahr war. In meinem Fall hatte ich insgesamt Glück auf dem Trail - insofern trafen die meisten Warnhinweise zur Wasserversorgung im Data Book nicht zu.

Eine andere kleine Entdeckung des Tages: Es gab schon einige Moskitos im Long Gulch, noch erträglich, aber sobald man stehen blieb wurde man doch beliebtes Ziel dieser kleinen Tierchen. Bei der Pause unter einer Kiefer stellte ich fest, dass schon allein der etwas trockenere Grund mit den Kiefernnadeln ausreichte, um die Moskitos weitgehend fernzuhalten. Also zumindest hier: Kiefernschatten = Pausenplatz.

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Geschrieben von
Bernhard

Schreibt über Musik, Reisen, Wandern, Natur und Gedanken.

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